Ein Kämpfer der nie aufgibt

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Christoph Künstle aus Unterentersbach sitzt im Rollstuhl und nahm mit Erfolg am Berlin-Marathon teil.
Die Marathon-Distanz von 42,195 Kilometern in einer Zeit von 1:41:32 zurückzulegen, dürfte für viele gesunde Menschen eine Höchstleistung sein. Christoph Künstle (44) absolvierte mit dieser Zeit am Sonntag den Berlin-Marathon. Künstle ist querschnittsgelähmt und bewältigte die Strecke liegend – mit dem Handbike. In seiner Handicap-Klasse war er zweitbester Deutscher.
Zell-Unterentersbach. »Ich will aber nicht, dass das eine Mitleidsgeschichte wird«, sagt Christoph Künstle, der in Unterentersbach mit seiner Lebensgefährtin Ulrike Oesterle und den Kindern Louisa und Niklas im eigenen Haus wohnt. Einem barrierefrei gebauten Haus, denn Christoph Künstle ist seit nunmehr 23 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Er ist ab dem sechsten Halswirbel abwärts gelähmt. Und er betreibt Sport. Erfolgreich.

Der heute 44-Jährige hadert nicht mit seinem Schicksal, das im März 1989 sein Leben mit einem Schlag komplett veränderte. Künstle war in seiner Jugend schon immer ein Sportler, der aktiv Fußball spielte und Rock ‘n’ Roll tanzte. Und ab und zu »Freeclimbing« machte, also Felsen und Wände erkletterte. Das Vorhaben, an der Burgmauer der Gerolds­eck hochzuklettern, endete allerdings tragisch – kurz vor dem Ziel stürzte der damals 20-Jährige 25 Meter in die Tiefe. »Ich war ganz alleine selbst schuld, ich habe mich überschätzt«, sagt Künstle, den am Ende schlicht und einfach die Kräfte verlassen haben. Und er fügt hinzu, dass er dankbar ist, dass er überhaupt noch lebt.

Diese Dankbarkeit und wohl auch sein großes Kämpferherz nennt Künstle als seine Motivation, sein Leben auch als Rollstuhlfahrer zu meistern. Und noch ein bisschen mehr als das. Der gelernte Schlosser hat nach seinem Unfall umgeschult, ist jetzt Technischer Zeichner.

Kraft aus den Armen

Und: Künstle entdeckte neue Sportarten. So spielte er Rollstuhl-Rugby und kaufte sich 1998 ein erstes Handbike, das er zwischenzeitlich als seinen »Oldtimer« bezeichnet. 2011 kam dann die Gelegenheit, sich in ein Handbike, hergestellt nach modernen, sportlichen Gesichtspunkten, zu legen. Zu legen, da die Handbiker seiner Handicap-Klasse ihr Gefährt im Liegen bewegen. Statt mit den Füßen in die Pedale zu treten, kommt die Kraft über die Arme. »Mit dem kann ich was reißen«, sagte sich Christoph Künstle nach einigen Trainingsfahrten über Radwege der Umgebung und die Idee war geboren, am Berlin-Marathon teilzunehmen. Dort starten vor den Läufern auch Sportler mit unterschiedlichen Behinderungsgraden.

Nun, Christoph Künstle hat mit dem ausgeliehenen Sport-Handbike eines Bekannten »was gerissen«: In seiner Handicap-Klasse wurde er am Sonntag Zweitbester von 13 deutschen Teilnehmern, international Fünfter von 22 Bikern mit ähnlicher Behinderung. Seine Zeit von 1:41:32 liegt zwar rund 20 Minuten über dem Weltrekord, doch ist sich Künstle sicher: »Die 20 Minuten sind zu schaffen!«

Allerdings nur mit einem auf ihn zugeschnittenen  Handbike, das rund 6000 Euro kostet. »Vielleicht finden sich ja Sponsoren«, hofft der 44-Jährige, der jetzt ein großes Ziel hat: die Paralympics 2016 in Rio. Das könnte klappen, legt er bei weiteren Wettbewerben ähnlich gute Zeiten hin, auf die man beim Verband aufmerksam wird. Dafür will er hart trainieren. Und das glaubt man ihm. Künstle macht den Eindruck eines Kämpfers, ist einer, der nicht aufgibt. »Und damit ein Vorbild für alle mit diesem Schicksal«, bringt es Freundin Ulrike ­Oesterle auf den Punkt.

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